eine sammlung.

1938

Ein Kind unserer Zeit

»Jetzt ist immer einer neben dir. Rechts und links, Tag und Nacht.«

„Tauglich!“ sagte der Oberstabsarzt und und gibt dem ich-Erzähler in Ödön von Horvaths Roman ‘Ein Kind unserer Zeit’ „[seine Zukunft wieder]“. Der Roman wurde nach dem Tod des Autors mit nur 36 Jahren 1938 veröffentlicht. Er spielt in in den Jahren zu Kriegsbeginn und zeichnet ein Bild von Kriegseuphorie, den Einflüssen der Gesellschaft, von Gruppendynamik und der Kriegsrealität.

Die Zukunft hat der Protagonist verloren, als er nach der Schule in die Arbeitslosigkeit abrutscht. Als die Maschinen sagten „Wir haben eh schon mehr Menschen, als wir brauchen.“ und sechs Jahre ohne Arbeit folgen. Diese Jahre sind geprägt von betteln und stehlen und es steigen der Frust und die Hoffnungslosigkeit. Die Einberufung zum Militär weckt zum ersten Mal wieder das Gefühl, gebraucht zu werden und gibt dem Leben seinen Sinn zurück. „Ordnung muss sein! Wir lieben die Disziplin. Sie ist für uns ein Paradies nach all der Unsicherheit unserer arbeitslosen Jugend.“ Da ist „immer einer neben dir. Rechts und links, Tag und Nacht.“, da „gehts um mehr. Um das Vaterland“.

Die Generation der Väter mit ihren Idealen von Völkerrecht und ewigem Frieden löst in den jungen Soldaten Unverständnis aus. Für sie zählt: gebraucht werden, einen Sinn haben, sich zugehörig fühlen. Für sie „gibt es kein Recht ohne Gewalt“, kein „liebe deine Feinde“. Es gibt nur sie und die Macht und den Krieg. Die Welt wird eingeteilt in Freunde und Feinde, Über- und Untermenschen, schwarz und weiß.

Als der Ernst „[rascher kommt, als sie träumten]“, wird die Sprache des ich-Erzählers immer rauer, die Gedanken und ungeschönten Schilderungen für den Leser immer unerträglicher. „Bravo, Flieger! Ihr habt ganze Arbeit geleistet. Alles habt ihr erledigt – bravo, Flieger! Bravo!“. Fünf Zivilisten werden gehängt, weil „[die Kugel zu schade ist für solch hinterlistiges Gelichter]“. Eine Gestalt wird sichtbar, bis einer „[sie aufs Korn nimmt und abdrückt]“. Es ist eine Frau.

Der einzige, der die zunehmende Gewaltbereitschaft der Soldaten nicht mehr erträgt, ist der Hauptmann. Er lässt sich von einem feindlichen Maschinengewehr erschießen und hinterlässt einen Brief an seine Frau. Bei dem Versuch, den Hauptmann zu schützen, wird der Arm des Protagonisten verletzt und er muss das Militär verlassen.

„Wir sind keine Soldaten mehr, sondern elende Räuber, feige Mörder. Wir kämpfen nicht ehrlich gegen einen Feind, sondern tückisch und niederträchtig gegen Kinder, Weiber und Verwundete. Verzeihe mir, aber ich pass nicht mehr in die Zeit.“, das steht im Brief des Hauptmanns. Und als der Vater des Erzählers davon spricht, dass „[heutzutag die Allgemeinheit von jedem Sieg profitiert]“, „[kommt eine Frage und setzt sich an den Tisch]“: „Nun, mein Kind, so antworte doch! Was heißt das eigentlich: die Allgemeinheit?“. Und wovor hat er sein Vaterland überhaupt beschützt? „Wer hats denn eigentlich bedroht? Jenes kleine Land?“.

„Ein Kind unserer Zeit“ ist aktueller denn je, in einer Zeit, in der rechte Meinungen auf dem Vormarsch sind, wo nationalsozialistische Propaganda-Rhetorik wieder massentauglich wird und Populisten versuchen, die Menschen mit ihren Ängsten und Sorgen zu ködern. Hier kann der Roman aufrütteln und mit den drastischen Schilderungen und der schonungslosen Gedankenwelt eines Kriegsbegeisterten aufzeigen, dass das Schüren von Hass in einer Gesellschaft auf Andersdenkende und die Abgrenzung und Einteilung in „wir“ und „die“ zur Verrohung und unmenschlichem Verhalten führen. Und dass ein Krieg niemals Gewinner hat.

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