eine sammlung.

2005

Die unheimliche Bibliothek

»Der Schafsmann hat seine Schafsmannwelt. Ich habe meine Welt. Und du hast deine.«

Haruki Murakamis 2005 erschienene Kurzgeschichte „Die unheimliche Bibliothek“ handelt vom Lesen, vom Wissen, von Ängsten und Einsamkeit. Sie handelt von einem brutalen alten Mann, von einem Schafsmann und einem schönen Mädchen. Am Ende geht die Geschichte für den Protagonisten zwar gut aus, die Rätsel aber bleiben. Wo die fiktionale Realität aufhörte und ob der gruselige Bibliothekar jederzeit wieder zuschlagen kann.

Schon das klopfen an der Tür des Zimmers 107, zu dem die Frau am Empfang den Jungen geschickt hat, um ein Buch auszuleihen, klingt „unheilvoll, als hätte [man] mit einer Keule an die Pforte der Hölle geschlagen“. Das Gefühl des Jungen täuscht ihn nicht. In Zimmer 107 sitzt ein gruseliger alter Mann, dem lange Haare aus den Ohren sprießen und dessen Augen aufblitzen, als der Junge seinen ungewöhnlichen Wunsch nach Literatur zu den Methoden der Steuereintreibung im Osmanischen Reich äußert. Innerhalb kürzester Zeit befinden wir uns unter der Erde, in einem labyrinthartigen Gebilde, das dem alten Mann als Verlies dient. Und je weiter wir in die Gänge und die Tiefe gehen, desto weiter entfernen wir uns von moralischen Grenzen und der Klarheit des Alltags.

Hier unten gelten andere Gesetze, die Gesetze des alten Mannes und bald ist nicht mehr klar, was real, was Einbildung, was Traum ist. Hier unten sollen die Gehirne der Wissbegierigen ausgesaugt werden, „weil mit Wissen vollgestopfte Gehirne angeblich sehr delikat und reichhaltig sind“.

So machen das scheinbar alle Bibliotheken, da sie „das Wissen, das sie verleihen, wieder ergänzen[(müssen]“. Nebenbei werden leckeres Essen, Schokomilch und die köstlichsten frisch ausgebackenen Donuts serviert, was an dem bevorstehenden Ende jedoch nichts ändert, auch wenn sich die Angst des Jungen irgendwann in „eine Angst verwandelt, die eigentlich gar keine Angst mehr war.“

Auf wenigen Seiten und mit ausgewählten Worten gelingt es Haruki Murakami eine skurrile und gruselerregende Szenerie zu erschaffen. Illustrtriert ist die Geschichte von Kat Menschik, was einen zusätzlichen Reiz ausmacht, weil  es nicht nur etwas zu schmökern, sondern auch zu sehen gibt. Die Kurzgeschichte ist in einer Stunde gelesen, gibt einem aber noch reichlich Stoff zum nachdenken und nachsinnen mit. 

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