eine sammlung.

2005

Der Vorhang

»Unter diesen Türen ist eine ausschließlich dem Roman vorbehalten.«

Milan Kundera führt uns in seinem Buch “Der Vorhang”, erschienen 2005, durch die Epochen und durch die Geschichte des europäischen Romans. Er zeigt stilistische und thematische Schwerpunkte auf und gestaltet diese Reise durch Zitate, Romanhandlungen und Anekdoten leicht und spannend zugleich.
Kundera geht dabei auch auf die Entwicklung des Romans in seinem Geburtsland, der ehemaligen Tschechoslowakei ein, die er beschreibt als ein kleines Land, das im Vergleich zu den großen Nationen nicht in den Verhandlungssälen sitzt, sondern „die ganze Nacht im Vorzimmer wartet“. Bei dem die eigene Existenz keine „selbstverständliche Gewissheit“ ist, und bei dem es auch keine Selbstverständlichkeit ist, dass herausragende Romane auch die entsprechende europäische oder gar internationale Würdigung erhalten.

Der Roman in seinen verschiedenen Ausprägungenungen über die Jahrhunderte, vom Schelmenroman, über die Konzentration auf eine „Story“, hin zur „radikalen und vollständigen Absetzung der ‚story‘“. Die große dramatische Handlung wird abgelöst durch eine „schockierende Bedeutungslosigkeit der […] behandelten Sujets“. Der Leser als „faszinierter Zuhörer“ oder „Zuschauer, [der] eine Leinwand [anschaut]“.

Kundera stellt uns die großen Romanciers und große Romane vor: Rabelais, Cervantes, Sterne, Balzac, Dostojewski, Flaubert, Joyce, Kafka, Broch, Don Quijote, Anna Karenina, Madame Bovary, Die menschliche Komödie, Der Fremde, um nur eine Auswahl zu nennen.

Er sucht nach den Motiven in Romanhandlungen und zeigt stilistische Besonderheiten auf: Anna Kareninas Tod am Bahnhof als „vollendete, schöne Form [der] Liebesgeschichte“, bei der „Anfang und Ende durch den gleichen Schauplatz Bahnhof und das gleiche Motiv des Todes unter den Rädern miteinander [verbunden werden].“; Zufälle und unvorhergesehene Ankünfte als zentraler Ankerpunkt in Dostojewskijs „Der Idiot“; Kafka, der „gegen die ‚von Gefühl überströmende Manier‘ anschreibt“ und „bis zum dunklen Grund des Witzes hinabsteigt“; Sterne, der in Tristram Shandy über mehrere Kapitel Vater Shandy versuchen lässt, „mit der linken Hand das Taschentuch aus seiner rechten Tasche zu ziehen und gleichzeitig mit der rechten die Perücke abzunehmen“.

Und zieht den Schluss, dass der Roman „keine ‚literarische Gattung‘, nicht ein Zweig unter vielen eines einzigen Baums“ ist, sondern als „autonome Kunst“ gesehen werden muss. Der Romancier „schreibt […] seinen Roman als schreibe er ein Sonett“: „das kleinste Detail ist ihm wichtig er verwandelt es in eine Motiv und lässt es in mannigfaltigen Wiederholungen, Varianten und Anspielungen wiederkehren“. Durch diese Wichtigkeit der Form und Komposition des Romans bleibt jede Adaption für Film oder Theater als unzureichend zurück, denn „Was bleibt von einem Kunstwerk, wenn man ihm seine Form nimmt?“.

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